Fellbach: +49 711 34 24 37-0 Düsseldorf: +49 211 138 66 37-0 kontakt@expertalis.de

expertalis – Buchrezension

„Personalentwicklung in der digitalisierten Arbeitswelt. Konzepte, Instrumente und betriebliche Ansätze“ – ein Lehrbuch von Dr. Lippe Heinrich, erschienen 2019 im Verlag SpringerGabler.

Dieses Buch widmet sich der Entwicklung betrieblicher Arbeit und dem Paradigmenwechsel hinsichtlich betrieblicher Führungsstile. Vor dem Hintergrund informationstechnisch vernetzter Arbeits- und Geschäftsprozesse haben die Anforderungen an die Kompetenz der Beschäftigten, die Personalentwicklung und das Personalmanagement auf betrieblicher Ebene eine neue Qualität gewonnen, welche die Herstellung einer guten Unternehmenskultur und die Gleichstellung aller Beschäftigten zum Ziel erhebt.

Die Auftaktkapitel eins bis drei befassen sich in deskriptiver Form mit den Phasen der Industrialisierung und deren jeweiliger Effekte auf die Gesellschaft. Außerdem schlagen sie den Bogen zur Neuzeit: Digitalisierung und digitalisierte Arbeitsprozesse, in der Öffentlichkeit unter dem Schlagwort Industrie 4.0 subsumiert. Auch die damit verbundenen wirtschaftlichen Risiken für das Gros der Erwerbstätigen im Rahmen disruptiver Geschäftsmodelle werden beleuchtet. Die Kapitel vier und fünf greifen das entstandene Abhängigkeitsverhältnis zu digitalisierten Arbeitswelten auf und rufen nach neuen Unternehmenskulturen, Führungsstilen und Kompetenzerfordernissen. Die Kapitel sechs und sieben bilden das inhaltliche Herzstück der Publikation, sie widmen sich voll und ganz dem Aufzeigen betrieblicher Bewältigungsstrategien: sowohl in Form inhaltlicher Beschreibungen wie auch durch das Zusammentragen von in der Praxis entwickelten und heute bereits angewendeten Best-Practice-Modellen durch Unternehmen und Träger. Hierbei kommen Konzepte wie Diversity Management (DM), Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM), Gender Mainstreaming (GM) und viele Weitere zu Vorstellung. Das Abschlusskapitel acht schließlich ruft zur Verteidigung historisch errungener Arbeitnehmerrechte durch staatliche und gesellschaftliche Akteure auf. Dann wird es aus Sicht der Autorin vielleicht noch möglich, dem bestehenden Kräfte-Ungleichgewicht aus globalen Finanzströmen und disruptiven Geschäftsmodellen auf der einen, der Kapitalseite, sowie digital vernetzten, d.h. jederzeit versetzbaren Arbeitsplätzen auf der anderen, der Beschäftigtenseite, entgegenzusteuern.

Das Thema des Lehrbuchs handelt somit von den Schwierigkeiten der Selbstbehauptung des Faktors Arbeit im Strudel sich konstant ändernder Rahmenbedingungen; aktuell im Hinblick auf sich digitalisierende Arbeitsprozesse.

Drei inhaltliche Bestandteile erschließen sich für den Leser dieses neu erschienenen Werks. Erstens, eine Enzyklopädie über die historische Entwicklung von Arbeit: von den Anfängen der Industrialisierung bis hin zur heutigen digitalisierten Arbeitswelt. Zweitens, eine kritische Perspektive über die digitalisierte Arbeitswelt mit ihren totalitären Zügen und in diesem Zusammenhang das Aufzeigen von Gefahren und noch nicht vollzogener Chancen für die Gesellschaft. Drittens, die Benennung praxisbezogener und praxiserprobter Lösungsansätze zur Bewältigung der Herausforderungen für die „digitalisierte Gesellschaft“.

Die Perspektive von Lippe-Heinrich ist überwiegend gesellschaftskritisch. Sie richtet den beschützenden Blick auf Frauen- & Familiengerechtigkeit sowie auch auf die unter Arbeitsmarktgesichtspunkten häufig benachteiligten Gruppen wie Ältere, Geringqualifizierte, Ausländer oder Behinderte. Darüber hinaus steht sie hinter der Auffassung, dass die Arbeitskraft seit Beginn der Industrialisierung der Gefahr von Ausbeutung ausgesetzt ist. Aktuell begründet durch die schwierigen Gestaltungschancen der Arbeitnehmerrechte im Zuge entstandener disruptiver Geschäftsmodelle (z.B. die digitalen Plattformkonzepte Uber, Helping oder Airbnb) bei gleichzeitig bis heute – in Deutschland – nicht erfolgter Vereinbarkeit von Beruf und Familie oder Chancengleichheit am Arbeitsplatz. In diesem Kontext fordert sie eine moderne Personalpolitik, die sich am betrieblichen Leitbild einer guten Unternehmenskultur orientiert und die Motivation sowie Kompetenzen ihrer Mitarbeiter fördert.

Ihre Sprache ist deskriptiv, Lippe-Heinrich argumentiert auf dem Hintergrund empirischer Studien und Ergebnisse, auch eigene wissenschaftliche Erkenntnisse werden mit einbezogen: So schafft sie es, die klassische Drei-Sektoren-Theorie sowie die Theorie des Quartären Sektors eindrucksvoll zu widerlegen und auch der These von der wissensbasierten Gesellschaft zu widersprechen. Aber auch das von ihr entwickelte „gendergerechte, lebenslange Karriere- und Laufbahnmodell“ zur strukturellen Problembewältigung von Erwerbsarbeit und Altersarmut soll als zukunftsweisend benannt werden.

Aus Sicht des Rezensenten kann dem Lehrbuch eine schlüssige Argumentation bescheinigt werden. Lippe-Heinrich schafft es, eine historische Bestandsaufnahme zu machen und darauf aufbauend eine präzise Analyse aktueller Entwicklungen zu liefern. Damit zeigt die Autorin den Entscheidungsträgern unserer Gesellschaft die große Verantwortung für die Gestaltung des digitalen Wandels auf.

Als Fazit ist ein lehrreiches Fachbuch entstanden, das theoretische Ansätze und praxiserprobte Projekte miteinander verknüpft und als Grundlage für weitere Forschung und Diskussion dienen kann. Deswegen soll eine breite Kaufempfehlung für unterschiedlichste Zielgruppen ausgesprochen werden. Natürlich handelt es sich zunächst um ein Werk mit bildungspolitischem Auftrag für die Lehre an Hochschulen und in Bildungseinrichtungen. Durch die Hinzunahme der Vielzahl an Best-Practice-Beispielen ist es aber auch geeignet als Ideengeber für die freie Wirtschaft und den öffentlichen Dienst, im Besonderen für Personalabteilungen, für Unternehmer, Geschäftsführer und Vorstände, gleichwohl auch für die Seite der Betriebsräte und Gewerkschaften.

Dr. Philip Wenger

Studium der Verwaltungswissenschaft an der Universität Konstanz, Promotion am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der FU Berlin. Als Personalberater spezialisiert auf die Bereiche Executive Search, Implementierung von Rekrutierungsprozessen und Persönlichkeitsdiagnostik. Gesellschafter der Personalberatungsunternehmen expertalis und Future Manager Alliance.